Fliegen aus einer anderen Perspektive

Fliegen aus einer anderen Perspektive

Wenn man so wie Manfred P. schon jahrelang als Berufspilot im Flugzeug unterwegs gewesen ist, wäre es gut möglich, dass Fliegen nicht mehr das große Thema in der Zeit nach der beruflichen Tätigkeit darstellt. Nicht so bei Manfred, der sich für den aktiven Ruhestand entschieden und sich weitere große Ziele gesetzt hat. Die positive Erfahrung und die Erinnerung an die „Herausforderung“ Segelflug war nach der langen Berufsphase immer noch so präsent, dass er sich jetzt wieder intensiv mit dem Segelflug beschäftigen wollte. Zeit genug war da, um den Sport endlich so zu betreiben, wie er sich das vielleicht schon immer gewünscht hat.


Die aktive Berufspilotenlizenz war nach einer erfolgreichen Erweiterung auf die Reisemotorsegler Berechtigung relativ schnell in eine PPL – A TMG Lizenz umgewandelt und jetzt konnte die Segelflugausbildung begonnen werden. Der Kontakt zur Segelflugschule Oerlinghausen war nach Empfehlungen aus dem fliegerischen Umfeld schnell hergestellt und die formalen Abläufe der weiteren Ausbildung geklärt. 5 Stunden Flugzeit, 20 Landungen im Alleinflug, Kennen lernen und Beherrschen des Segelflugzeugs in den Grenzbereichen sowie unter anderem ein 50 km , bzw. 100 km Streckenflug mit Lehrer waren als Voraussetzung zur Zulassung zur praktischen Prüfung nachzuweisen. Um möglichst am Anfang der Saison in Deutschland schon die Lizenz in Händen zu halten entschied Manfred sich im März zur Teilnahme an einem Gebirgssegelfluglehrgang in Sondrio. Hier bestand die Möglichkeit den erforderlichen Streckenflug bereits im Frühjahr durchzuführen und damit eine wichtige Hürde zum Lizenzerwerb zu nehmen.
Mitte März stand er nun bei strahlend blauem Himmel in Sondrio auf dem Flugplatz. Die Begrüßung durch die Fluglehrer vor Ort: Christoph Schneider, Sirko Heine und Helmut Gerbig inklusive ausführlichen Wetterbriefings waren relativ schnell erledigt und die Einteilung der Flugzeuge für den Tag stand an.
Lassen wir jetzt einmal den Piloten selbst zu Wort kommen: Überrascht hat mich bei der Einteilung schon, dass ich am ersten Tag sofort den Streckenflug mit Fluglehrer durchführen sollte. Na gut, wenn es denn so sein soll, dachte ich mir und wir begannen mit den Vorbereitungen zum Start. Die DG 1000 T kannte ich nicht, ebenso wenig wie den Platz und die entsprechenden Verfahren. Die Bedingungen an dem Tag (Nordwindlage mit guten Wellenflugmöglichkeiten auf der Südseite des Alpenhauptkamms) klang schon verlockend, dennoch hatte ich mit solchen Wetterlagen keinerlei Segelflugerfahrung. Helmut Gerbig, mein Fluglehrer für den Tag, erklärte mir, dass das Wetter für den 100 Km Streckenflug geeignet sei, der Flug und die damit verbundenen Erfahrungsbereiche wären für mich natürlich noch vollkommenes Neuland. Mit dem heutigen Flug würde nur der Einstieg in das Thema: Streckensegelflug abgedeckt, die eigentliche und umfassende „Ausbildung“ fände nach dem Erhalt des Scheines statt, denn das mögliche Erfahrungsspektrum wäre schier unendlich. Mit dieser Herangehensweise an den Streckenflug sollte vermieden werden, dass sich nach dem Erwerb der Lizenz mit den geforderten Ausbildungsinhalten bei weiteren Versuchen in Richtung Streckenflug viel Frust aufbaut, weil eine weitere „Ausbildung“ nicht mehr vorgesehen wäre, beziehungsweise eine weitere Betreuung durch streckenflugerfahrene Piloten eher die Ausnahme darstellte.
Die DG wurde von ihren Bezügen befreit und für den Start vorbereitet. In Sondrio wird ausschließlich im F- Schlepp gestartet, eine PA 25 Pawnee der Schule und die italienische Cessna L 19 stehen als kraftvolle Schlepper zur Verfügung. Bis zum Start um ca. 12:30 wurde noch ein Briefing über die wichtigsten Abläufe am Platz, bei Start und Landung durchgesprochen, die italienischen Meldungen übernahm Helmut erst mal, ich konnte mich dann ganz auf das Fliegen konzentrieren.
Am Himmel standen schon seit dem frühen Morgen mit 1 bis 2/8 Cumuluswolken, die allerdings nach einem Hinweis von Helmut Gerbig bei näherem Hinsehen doch nicht so ganz wie die mir aus der Ebene bekannten „Cumulanten“ aussahen. Trotz des starken Windes befanden sie sich immer an der gleichen Stelle und wiesen teilweise eine starke Eigenbewegung auf. Das waren schöne starke Rotoren, die bis zu 3.000 Meter hoch reichten und den unteren Teil einer Welle markierten; so weit die fachmännische Erklärung meines Fluglehrers zu der Situation. Na, dann darf man ja wohl gespannt sein, was mich da erwartet.
Nach dem etwas unruhigen Start und dem Ausklinken an den Ausläufern der südlich des Platzes befindlichen Bergamasker Alpen fanden wir sofort einen starken Aufwind in 600 Metern, der uns in relativ ruhigem dreieinhalb bis viereinhalb Meter starken Steigen bis auf 3.450 Meter hinauf brachte. Rotoraufwind, aber einer der ruhigen Sorte erfuhr ich beim Nachfragen von Helmut. Wegen der Luftraumbeschränkung durch Mailand-Interantional durften wir an dieser Stelle auf 3.600 Meter steigen, danach glitten wir mit 150 Kilometer am Stau Richtung Ausgang des Valmalenco Tales, das zum Bernina – Massiv im Norden führt. Unter dem nächsten Rotorcumulus erreichten wir bei etwas ruppigerem Steigen dann flott die Basis und flogen gegen den Wind vor. Bei diesem kurzen Einblick in die Kurbel- und Zentriertechnik und die doch gewöhnungsbedürftige Schräglage nach den ersten zwei „Bärten“ wurde mir dann doch allmählich bewusst, was Helmut damit meinte: „Du wirst erst einmal einen Einblick in den Gebirgssegelflug bekommen.“ Das hieß zunächst einmal für mich staunend zuschauen, zumindest in den entscheidenden Phasen des Fluges. In der kurzen Zeit wurden all meine Vorstellungen über den Haufen geworfen. Das Erlebnis war einfach überwältigend: Dreieinhalbtausend Meter, diese Höhe hatte ich vorher noch nie mit dem Segelflugzeug erreicht und vor allem mit dieser Wahnsinnssteiggeschwindigkeit und dem Superausblick auf ein unvergleichliches Alpenpanorama. Die etwas angespannte Haltung vor dem Start war im Nu verflogen, die Vorfreude auf die noch zu erwartenden Ereignisse übernahm jetzt die Regie im etwas durcheinander gewürfelten „Körperkontrollsystem“. Dem raschen Vorfliegen unter der letzten Rotorwolke auf der Luvseite folgte dann das absolut ruhige Steigen im darauf folgenden Wellenaufwind. Zunächst glaubte man die Varioanzeige wäre defekt. Die Nadel war am Anschlag und es ging absolut ruhig und gleichmäßig nach oben, die Stille und die laminare Luftströmung waren tatsächlich mit allen Sinnen spürbar. Das Wellefliegen hatte dann auch so seine Besonderheiten: je nach Windstärke konnte dann mal gekreist, abwechselnd links und rechts mit 45 Grad um die Windrichtung herum gependelt werden, oder mit maximalem Ca Wert geradeaus geflogen werden .Entscheidend dabei war es, im besten Steigen der Wellenschwingung zu bleiben und nicht wie es dem Anfänger oft passiert, nach hinten aus dem Aufwind heraus zu fallen; Fallen, und zwar teilweise bis zum Anschlag nach unten wäre dann die Konsequenz, wenn man gegen den starken Wind wieder in den aufwärts gerichteten Teil der Welle gelangen will. Das passierte uns auch deshalb nicht, weil wir die Position durch Blickpunkte rechts und links fixierten und somit die Position einigermaßen stabil halten konnten.
In dieser Sekundärwelle des Berninamassivs stiegen wir dann auf ca 4.600 Meter. Was ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen konnte: wir würden die Höhe von 4.000 Metern ab diesem Zeitpunkt nicht mehr unterschreiten!
Das nächste Ziel, die Welle mit dem sichtbaren Rotorsystem über dem Oberengadin wurde teilweise mit Geschwindigkeiten bis zum gelben Bereich angeflogen. Um überhaupt gegen den starken Nordwind nach vorne zu kommen war dies notwendig, gleichzeitig ging es dafür auch rasend schnell in den Keller. Ca. 400 Meter unterhalb der Rotorwolke traf uns der Aufwind wie ein Hammerschlag. „Ist die Luft lebendig musst Du genauso lebendig agieren“, so der Kommentar dazu von hinten. Nach dem ständigen energischen Zentrieren des Aufwindes, den abrupten, gravierenden Fahrtänderungen und der starken Turbulenz war ich dann doch etwas erleichtert, als wir wieder in die unwahrscheinlich ruhige Wellensteigzone einflogen und die Ausgangshöhe schnell wieder erreicht hatten. Sogar den Varioton musste man reduzieren, weil es draußen im Gegensatz zu ein paar Minuten vorher so still zuging. Helmut erklärte mir nun die weitere Vorgehensweise: Wir hatten es mit einer ausgeprägten Wellensituation im Lee des Hauptkamms der Alpen in diesem Bereich zu tun, die wir dann entsprechend parallel zum Kamm fliegend ausnutzen konnten, um mit den verschiedenen Wellenaufwinden bis zum südlichen Ausgang des Großen Sankt Bernhardtunnels zu gelangen. Der Weg dorthin gestaltete sich nach dem bekannten Verfahren als relativ problemlos. Nur die Maximalhöhe von 4.600 Metern durfte wegen des Luftraums nicht überschritten werden. Die Wellenaufwinde standen in gut erreichbaren Abständen und somit war die erste Wende nach 1,5 Std Flugzeit erreicht. Der Weg Richtung Engadin – Samedan war dann sehr gut durch Rotorbänder gekennzeichnet. Für mich stellte sich die Frage, wie kann man normale Cumulusbewölkung von Rotoren unterscheiden? Die Antwort lautete: manchmal sehr schlecht, vor allem wenn wie im Engadin, der abwärts schwingende Luftstrom hinter dem Hauptkamm wegen der darin enthaltenden Feuchtigkeit noch sehr viel Bewölkung produziert, die teilweise sogar die Erdsicht beeinträchtigt und die aufwärts gerichteten Luftströmungen mit ihren kennzeichnenden Rotorsystemen
ganz schwierig erkennbar macht. Ich hatte ja einen guten Navigator an Bord und so war es trotz der beschriebenen Phänomene relativ problemlos möglich, bis zur Nordseite des Bernina-Massivs zu gelangen.
Etwa querab und südlich vom Flugplatz Samedan kamen wir dennoch aus dem parallel zum Inntal verlaufenden Wellenaufwind heraus, wir befanden uns zu weit südlich, sodass dann erst wieder mit entsprechend großem Höhenverlust und nördlichem Kurs (etwa über dem Skigebiet Serfaus) unterhalb des dort gut ausgebildeten Rotors der Anschluss an das ursprüngliche Wellensystem wieder gelang.
Der weitere Flug in der Ausgangshöhe bis zum Eingang Reschen Pass war relativ problemlos zu bewältigen. Beim Eindrehen auf den Kurs für den Rückflug nach Sondrio erlebten wir allerdings eine Überraschung: das Tal war dicht und die im Wetterbericht angedeutete Entwicklung hatte sich jetzt eingestellt. Die Kaltluft schwappte nun über den Hauptkamm nach Süden und versperrte uns den ursprünglich geplanten Rückweg. Gott sei Dank hatten wir jetzt genug Höhe, um etwas weiter südlich
Richtung Livigno in die Welle südlich der Bernina zu gelangen. Es gab auf diesem Weg immer wieder kleinere Wellenaufwinde, die es uns erlaubten mit einer kleinen Rückenwindkomponente relativ hoch den Rotoraufwind südlich des Bernina Passes zu finden und dort wieder unsere Ausgangshöhe zu erreichen.
Der Rest des Fluges bestand aus schnellem Vorfliegen in der Welle an der Disgrazia vorbei bis zum Comer See. Aus den geplanten 100 Kilometern waren jetzt ca. 340 Kilometer geworden: Ich habe nicht einen davon bereut, ganz im Gegenteil. Nach dem abschließenden Training der Grenzflugzustände mit Trudeln, Steilspirale und diversen Überziehübungen aus dem Kurvenflug konnte ich die nächsten Tage ganz locker angehen und noch einiges an neuen Erfahrungen und Eindrücken mitnehmen.
Die Perspektive Wolken von oben zu sehen, hatte ich ja während meiner beruflichen Fliegerei ständig und ausreichend; das gleiche Bild an Bord eines Segelflugzeuges beinhaltete eine neue Dimension und Erfahrung. Nur durch das Ausnutzen natürlicher Aufwinde und das Wissen darum war dieses Erlebnis um einiges reicher an erfahrener Befriedigung und beeindruckenden Einsichten in die Gebirgswelt und den Segelflug im Hochmassiv.
Wenn Sie mich fragen: jederzeit und sofort wieder!!!! Es gibt nichts Schöneres.
Weitere Informationen zu den Außenstellen Sondrio und La Motte in Südfrankreich erhalten Sie im Internet unter: www.segelflugschule-oerlinghausen.de.






Segelflugschule Oerlinghausen

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